Elisabeth Striffeler Elisabeth Striffeler

Nationalfeiertag

Meine Gedanken zum Nationalfeiertag

Unsere Gesellschaft ist kompromisslos auf Wachstum und Leistung getrimmt. Älteren Mitarbeitenden wird gekündigt, weil sie angeblich zu teuer oder zu langsam sind. Dies obwohl die Wissenschaft belegen kann, dass auch ältere Mitarbeitende effizient arbeiten können, dass sie mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen die Jüngeren begleiten und unterstützen. Dadurch sind sie für jedes Unternehmen ein Gewinn. Dass ältere Mitarbeitende gegen Vorurteile zu kämpfen haben, hängt vorwiegend mit der Unternehmensführung, aber auch mit der Solidarität innerhalb unserer Gesellschaft zusammen. Die Arbeitnehmenden brauchen in den letzten 10 Jahren vor der Pensionierung andere Erholungsphasen als Junge. Weiterbildung steht aber auch ihnen zu. Im Hinblick auf den Fachkräftemangel können wir es uns nicht leisten, dieses Potential brach liegen zu lassen.

«Für die Pflege werden immer weniger Mittel zur Verfügung stehen. Und das ist paradox!»

Eigentlich war das Ziel unserer Politik die Armut in der Schweiz zu verringern. Zumindest im Kanton Bern sind wir davon weit entfernt. Im Gegenteil – die ärmsten Menschen unter uns erhalten weniger Unterstützung als vor 10 Jahren. Sie erhalten 30% weniger finanzielle Zuwendung um ihren Lebensunterhalt zu bewältigen. Mit dem Wegfall der Prämienverbilligung der Krankenkasse hat sich für viele betroffene Familien die Situation weiter verschärft. Sie sind gezwungen auf anderem Weg Unterstützung zu suchen oder müssen Sozialhilfe beantragen. Einmal mehr sind Kinder und alleinerziehende Mütter besonders betroffen.
Die Solidarität für Schwächere schwindet.

Die demografische Entwicklung wird in den nächsten Jahren eine grosse Herausforderung darstellen. Es werden mehr Menschen alt und sehr alt werden. Sie werden nicht nur an einer sondern an verschiedenen Krankheiten leiden. Die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen wird sich bis in 15 Jahren verdreifachen. Die Kosten im Gesundheitswesen werden entsprechend zunehmen. Zurzeit wird aber gerade im Gesundheitswesen der Spardruck durch die Ökonomen und die Politik weiter erhöht. Auch für neue Abgeltungsmodelle wie die Fallpauschalen werden die Prognosen bezüglich Einsparungen nicht eintreffen. Für die Pflege werden immer weniger Mittel zur Verfügung stehen. Und das ist paradox!

Gleichzeitig wird bei steigender Anzahl alter Menschen der Mangel an Pflegepersonen und an Ärzten rasch zunehmen, da zu wenig Fachkräfte ausgebildet werden.
Unsere Spitäler könnten ohne ausländisches Personal nicht funktionieren. Bis in 15 Jahren werden alleine im Gesundheitswesen bis 190 000 Stellen nicht besetzt werden können. Stellen Sie sich vor, wie hoch diese Zahl erst sein wird, wenn die Masseneinwanderungsinitiative vollständig umgesetzt wird!
Die Langlebigkeit und Hochaltrigkeit werden in Zukunft für die Gesellschaft an Bedeutung zunehmen. Dies wird sich auswirken auf die Rentensysteme und die Pflegeaufwendungen.
In unserer leistungsorientierten Gesellschaft wird alt mit Defizit gleichgestellt. Ist aber nicht gerade das Altsein ein wichtiger Gegenpol in unserer Gesellschaft in der das Wachstum der Minderung, das Starke dem Schwachen, das Schnelle dem Langsamen vorgezogen wird?

«Sogar die SBB hat erkannt, dass sie den Fahrplan künftig mit längeren Umsteigezeiten an ältere Personen anpassen muss.»

Die öffentliche Diskussion wird sehr häufig von Angst bestimmt. Angst vor Kosten die ins Unermessliche gehen. Dem kann entgegengesetzt werden, dass die Menschen länger gesund bleiben.
Angst vor dem Strukturwandel der Familie: dort wäre Solidarität zwischen den Generationen zu wünschen.
Angst vor wirtschaftlicher Stagnation- hier kann argumentiert werden, dass sich in der alternden Gesellschaft der Gesundheits- und Sozialsektor wächst. Der Kostenanstieg wird geringer ausfallen, wenn sich die gesundheitliche Situation der alten Menschen verbessert. Das heisst, wenn die Menschen länger gesund leben, senken sich die Kosten für die Pflege. Es gilt Strukturen zu verändern: sogar die SBB hat erkannt, dass sie den Fahrplan zukünftig mit längeren Umsteigezeiten an die älteren Menschen anpassen muss. Hindernisfreie Wohnungen und Quartiere müssen selbstverständlich werden.
Alte Menschen sollen in die Entscheide einbezogen werden und Mitverantwortung tragen. Das heisst, dass dem Alter Wertschätzung und Anerkennung entgegen gebracht wird. Das heisst auch, dass erkannt wird, welche Ressourcen in dieser Lebensphase abrufbar sind oder wären und vor allem, dass auch in hohem Alter Lernfähigkeit besteht. Gerade die jungen Alten verfügen oft über hohe Bildungsabschlüsse und somit über Ressourcen die früher nicht vorhanden waren. Das heisst aber auch, dass die Rollen die die Gesellschaft älteren Menschen zu Verfügung stellt in einem nicht mehr tolerierbaren Mass deren Möglichkeit und Bedürfnisse unterfordert. Diese Strukturen gilt es zu verändern und den älteren Menschen anzupassen.
Die Gleichsetzung von Alter = krank und pflegebedürftig trifft nicht zu: mehr als 40% der Menschen im hohen Alter sind nicht pflegebedürftig und bei ca 60%der Menschen im hohen Alter liegt keine Demenz vor. Auch für ältere Menschen ist es wichtig, dass sie in der Umgebung und in der Familie integriert sind. Gebraucht zu werden und zu geben ist bis ins hohe Alter sinnbringend.

Ich bin der Meinung, dass es unsere Gesellschaft unterlassen hat die Diskriminierung des Alters aufzuheben. Es herrscht ein falsches Bild vom Alter: Alter ist kein Handicap sondern bedeutet ein Reichtum an Erfahrung und Wissen. Wenn wir lernen diese Ressourcen  anzuerkennen und wertschätzen können auch jüngere Generationen davon profitieren.

Sich bewusst werden, dass es einem gut geht ist eines – versuchen sich in andere zu versetzen die dies nicht von sich behaupten können, sich für andere Menschen zu sensibilisieren ist ebenso wichtig. Kranke, Schwache, Alte und Menschen auf der Flucht vor Krieg und Willkür oder Hunger benötigen unsere Anteilnahme, unsere Solidarität, unsere Unterstützung. Sich für das Leid von Anderen einzusetzen sollte selbstverständlich sein in einem der reichsten und sichersten vielleicht auch schönsten Land der Welt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.